Zum Niederknien

Es gibt einen Disney-Film, dessen Introsequenz mich noch immer schwer beeindruckt. Es ist für mich eine der besten Szenen in einem Disney-Zeichentrickmusical überhaupt. Und vor allem deshalb, weil hier Musik, Bild und Idee hinter der Szene wie für einander geschaffen scheinen. Es handelt sich um die Introsequenz vom Film “Der König der Löwen“. Hier der betreffende Ausschnitt:

Warum ist das so großartig? Werfen wir doch einen Blick darauf, was wir hier eigentlich sehen und welche Bedeutung es hat:


Die Sonne steigt in den Himmel und erhellt die Szenerie der kommenden Ereignisse. Die Bühne ist bereitet und ausgeleuchtet. Es fehlen nur noch die Akteure.

Und diese werden (so scheint’s) von einer eindringlichen Stimme mit einem nicht minder beeindruckenden Chor herbeigerufen. Der Hall beim Chor verstärkt noch die Weite der Steppe.

Und wirklich, die verschiedenen Tiere hören den Ruf und machen sich auf den Weg. Und in fast jeder Szene wird durch geniale Layerarbeit die Tiefe und Weite des Raumes demonstriert:

Die Vögel, die über dem Erdboden fliegen und ihrerseits von einem weiteren Schwarm überflogen werden. Die Gazellen, von denen eine unvermittelt sehr nahe vor dem Zuschauer auftaucht. Die Giraffen, die über einen Hügel gehen und den Elefanten in weiter Ferne zusehen (und der blinzelnden Baby-Giraffe, die auf die Text-Zeile “step blinkin into the sun” geblendet von der Sonne den Kopf senkt), die Ameisen, die vor der Unschärfe im Hintergrund vorbeilaufenden Zebras Ihre Blätter tragen.

Eine lustige Szenerie mit einem blauen Vogel, der vor einem Elefantenfuß davon läuft lockert die Szenerie etwas auf und sorgt für den ersten Lacher. Schnitt auf die verschiedenen Tiere, die durch das Wasser waten und ein Elefant, dessen Stoßzähne keine Waffe sind, sondern sieben verschiedenen Vogelarten Platz zum Ausruhen bietet unterstreicht die grundsätzliche Friedlichkeit der Szene.

Dann eine der genialsten Kamerafahrten. Die Musik arbeitet sich zum entscheidenden Paukenschlag vor. Die Kamera aus Vogelperspektive rast über die Tiere, die sich da auf den Weg gemacht haben. Schließlich blickt die Kamera im Flug nach vorne und zum richtigen Zeitpunkt wird der Felsen, um den sich die Tiere versammelt haben sichtbar. Untermauert mit Pauken und dem nun voll einsetzenden Orchester. Hier soll also “Großes” passieren. Und nicht genug damit, nach einiger Zeit erkennen wir, dass wir nicht absichtslos eine Kamerafahrt auf den Felsen zu machen, sondern einem Vogel folgen, dessen Ziel genau *dieser* Felsen zu sein scheint.

Ein majestätischer Löwe thront auf einem Vorsprung, der Vogel macht seine Aufwartung und der Löwe bedankt sich großmütig lächelnd und blickt wieder auf seine Untertanen.

Dann Schnitt auf das “Tierpublikum” durch das man eine Art Wanderstab mit Beuteln daran sieht. Wer das sein mag, ist nicht klar. Offenbar ein Geheimnis.

Schnitt, Sonnenstrahlen bahnen sich durch ein Spalier mächtiger und damit Halt und Sicherheit gebender Tiere und aus diesen Sonnenstrahlen schält sich der Geheimnisvolle - als wäre er von der Weisheit oder der Macht der Sonne entsandt worden. Ein Affe offenbar, aber das Gegenlicht und das konsequente Konzentrieren der Bildausschnitte auf Teile des geheimnisvollen Affen unterstreicht dessen Bedeutung.

Unser Löwe lächelt jetzt deutlich offener und gibt so zu erkennen, dass der Affe ein “privater Freund” zu sein scheint. Also ist schon vor dem gänzlichen Zeigen des Affen klar: Hier kommt etwas Gutes - ein Freund. Unterstrichen wird dies durch die herzliche Umarmung des nun komplett zu sehenden Affen und des Löwens.

Jetzt ändert sich die Szene. Der Teil der “Vorstellung” der Weite der Savanne, der beteiligten Tiere, der Archetypen der Charaktere (majestätisch, geheimnisvoll). Die Musik endet damit auch mit ihrer majestätisch, treibenden Dynamik und gleitet über in eine zartere, feinere Melodie.

Der Löwe geht zu seiner Frau, die offenbar deren Kind in Armen hält. Er “küsst” sie, während sie ihren Sohn sauber leckt. Die Familie - die Königsfamilie - ist somit definiert. Der geheimnisvolle Affe vollführt eine Art Taufritus, den der junge Löwe als Spiel interpretiert - sich auf seine Rolle in der Gesellschaft gewissermaßen freut; unterstrichen durch angenehmes Schnurren, das vor allem Katzenliebhaber ansprechen dürfte. Und was ist niedlicher als eine schnurrende Jungkatze. Genau: eine niesende Jungkatze und das tut der junge Löwe schließlich, als ihn der Affe mit Staub einhüllt.

Danach nimmt der Affe das “Baby” (mit Zustimmung der “Königsfamilie”) entgegen und “präsentiert” ihn als “legitimen” Thronfolger dem “Volk”. Dabei lässt er sich Zeit und schleicht über den Felsvorsprung um uns noch ein wenig Spannung aufbauen zu lassen, die Musik schwillt an. Was wird passieren. Dann ein Bild aus der Vogelperspektive, die einer Leni Riefenstahl einfallen hätte können. Der Affe mit Baby schreitet auf die wartenden Tiere zu und schließlich präsentiert er den zukünftigen Thronfolger dem Volk.

Da dies nicht der König (der Papa-Löwe) tut, sondern die “klerikale Instanz”, leitet sich dessen Herrschaftsanspruch somit von einer “höheren” Macht ab. Und das wird auch noch unterstrichen bzw. bestätigt, als nach begeistertem Willkommenheißen des Babylöwen durch die Tiere, Sonnenstrahlen aus dem Himmel brechen und den jungen Löwen damit fast “segnen”. Und just in diesem Moment beginnt ein Glockenspiel und das treibenste Trianglespiel, das ich kenne, zu erklingen (und das man leider in der Youtube-Fassung ob der Komprimierung nicht wirklich hört). Die sich daraufhin verneigenden Tiere lassen die Assoziation zu einer kirchlichen Krönung kaum noch vermeiden.

Die Kamera zieht sich wieder zurück und gibt nochmal einen Blick auf das Gesamtgeschehen und die “Größe” des Ereignisses - eingehüllt in “Gottes Sonnenstrahlen”. Abschließend: ein mächtiger Paukenschlag, der zu sagen scheint: Amen.

Ich muss sagen, ich wurde noch nie so eindrucksvoll von einem ganz normalen “Kinderfilm” derart gekonnt emotional manipuliert, wie in dieser Szene. Der restliche Film ist nicht schlecht, aber was man hier in diesem Intro sehen kann, beeindruckt mich nach so vielen Jahren noch immer. Wie sagt man so schön: Ganz großes Kino.

Dieser Text steht unter folgender Creative Commons-Lizenz.


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