dass sich unsere Gesellschaft mehrheitlich einem Diktat von “Gewinnoptimierung”, “Effizienzsteigerung” und “Vermögenszuwachs” unterworfen hat?
Dass sich eine oder mehrere Generationen offenbar dem Lebensinhalt gewidmet hat/haben, das Wohlergehen eines virtuellen Wertes (Geld) in das Zentrum ihres Lebens zu rücken. Wäre es nicht irgendwie sinnvoller, das Wohlergehen der Menschen selbst zu optimieren, bevor man sich daran macht, virtuelle Konstrukte zu entwickeln, die sich mehr oder weniger im Bereich des Irrelevanten bewegen?
Wieso wird von Vielen eine (mehr oder weniger) bedingungslose kapitalistische Marktwirtschaft als Lösung aller bestehenden Probleme und als einzig erstrebenswerte gesellschaftliche Organisationsform angesehen? Wieso wird uns eigentlich immer das Mantra vom eigentlich egoistisch denkenden und damit nur durch die Marktwirtschaft zu zähmenden Menschen gepredigt?
Eine globale Abfeierung von Multimillionären, Superstars und Finanzgenies, die ihre 500 Millionen Euro teuren Villen voller Stolz den Boulevard-Magazinen präsentieren und überbezahlte Dampfplauderer, die mit ihren “Wenn Du es nur ganz ganz toll versuchst, schaffst Du auch alles, was Du dir vornimmst und wenn es nicht klappt, hast Du es dir eben nicht ernsthaft genug vorgenommen”-Bücher den Markt überschwemmen, haben zu einer Welt einer riesigen “Geiz ist Geil”-Mentalitäts-Spirale geführt.
In der ein Josef Ackermann, jener Chef der deutschen Bank, der offenbar die 330-fache Leistung eines Deutschen Bank Angestellten verrichten kann, wenn man Ackermanns jährliches Einkommen von 13 Millionen Euro in Vergleich mit dem durchschnittlichen Verdienst eines Angestellten der Deutschen Bank bringt. In der sich eine Politik als Sprungbrett in lukrative Jobs in “die Wirtschaft” und als Lobbyplattform versteht. In der Produktmanager ihren Kunden einreden, dass selbst besorgen, kassieren, verpacken, transportieren und selbst zusammenbauen clever ist und jeden anderen, der dies nicht so sieht als Blödmann verunglimpfen. In der Konsumenten rund um die Uhr auf der Suche nach dem günstigsten Preis sind, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, ob diese Produkte dann sozial oder moralisch verantwortlich “zustande gekommen” sind und sich nebenbei auch noch wundern, dass Service, Qualität und Gesundheit darunter leiden.
Natürlich haben alle diese Personengruppen gute Argumente für ihr Tun. Dann hört man Stehsätze vom guten Manager, den man in einer globaisierten Welt nunmal nicht unter diesen Beträgen engagieren kann, dass Politik nicht abgehoben vom Wirtschaftsgeschehen regieren kann, dass der Konkurrenzdruck so groß ist, dass Do-It-Yourself-Produkte genügend Abnehmer finden und dass man in Zeiten der Rezession nunmal bei jedem Cent sparen müsse.
Im Endeffekt sind aber all diese Argumente genau das, nach dem sie sich anhören. Nämlich Ausreden. Ausreden, um selbst nicht über den eigenen Tellerrand hinausdenken und -agieren zu müssen, um “denen da oben/unten” die Verantwortung dafür zuzuschieben, was falsch läuft. Zumindest, als kleinen Trost, scheinen wir langsam zu begreifen, dass etwas systemrelevantes falsch läuft.
Wie wärs, wenn wir uns mal zur Abwechslung von der medialen und realen Panikmache loslösen, die ständig mit dem Globalisierungs-Damokles-Schwert fuchtelt? Wie wärs, wenn wir uns nicht mehr Angst machen ließen, mit der man schon seit Jahrzehnten versucht, eine längst notwendige Weiterentwicklung unseres gesellschaftlichen Selbstverständnisses zu verhindern. In einer Welt, indem den Menschen ständig vor Augen gef+hrt wird, dass wir alle mehr oder weniger am persönlichen Abgrund stehen und es genau die Zeit ist, sein Leben vertrauensvoll in “bewährte” Hände von Volkstribunen, Überwachungsstaat und Wirtschaftsgenies zu legen, wird eine egoistische, misstrauische und ängstliche Gesellschaft geschaffen. In Abwandlung eines Zitates von Johann Nestroy: “Die Angst ist das lebendige Geständnis der Großen, dass sie nur verängstigte Sklaven treten, aber keine freien Völker regieren können.”
Es wäre doch spannend zu überlegen, ob nicht eine gesellschaftliche Weiterentwicklung zur Folge haben kann, dass ein Ackermann ein Victory-Zeichen in die Kamera hält, weil er mit nur dem 10-fachen eines durchschnittlichen Gehalts eines Angestellten der Deutschen Bank sein Auslangen findet und ihm “die marktüblichen Managergehälter scheiß egal sind”. Dass die Ehefrau des umtriebigen BAWAG-Bankenchefs Elsner keine Sätze wie “Wenn einem nicht einmal die besten Anwälte helfen können, verstehe ich das System nicht mehr” oder sie hätte “jetzt zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel”, weil sie mit EUR 1.700,- im Monat auszukommen habe in die Kameras spricht. Wie wäre es, wenn man Produkte wieder mit Wert durch Arbeit veredelt und nicht so schlicht wie möglich zum Endkonsumenten durchschleust. Wie wäre es, wenn wir nicht bei jenen Handelsketten einkaufen, die Mitarbeiter schlecht behandeln und uns gleichzeitig mit Toastschinken um 25 Cent verarschen?
Klar, das Killerargument “Ich alleine kann dagegen nichts tun, mir gehts ohnehin schon so schlecht, ich habe gar nicht die finanziellen Möglichkeiten, dagegen anzulaufen” ist da schnell bei der Hand. Womit wir wieder beim ursprünglichen Problem sind: Wieso konnten wir es eigentlich zulassen, dass Geld zu einem derart bestimmenden Element in unserer Zivilisation werden konnte?
Und: Irgendwann sollten wir uns überlegen, ob wir uns gesellschaftlich durch Evolution oder Revolution weiter entwickeln möchten – oder müssen.