Die Scientology Dauerwerbesendung

Wer hatte nicht schon mal des öfteren ein Lächeln auf den Lippen, als uns Jünger des Science Fiction Autors L. Ron Hubbard glauben machen wollten, dass das was sie tun, etwas mit Religion zu tun hätte.

Selbiges Lächeln mag dann allerdings auch mal einfrieren, wenn man (so wie ich heute) 5-jährige Knirpse Scientology-Flyer verteilen sieht oder Berichte über Ausstiegswillige liest, die schwerste Probleme haben und bekommen, wenn sie denn aussteigen wollen.

Natürlich könnte man jetzt längere Zeit vorzüglich darüber diskutieren, ob Scientology nicht dem Gott Mammon die Rolle zukommen läßt, die er in unserer verglobalisierten und shareholdervalue orientierten Welt längst inne hat - aber ich denke, dafür ist hier (noch) nicht der rechte Platz.

Anlass dieses Beitrages ist ein aufgetauchtes Video einer sogenannten Scientology Orientation Veranstaltung, bei dem es sich im Wesentlich um eine Art Verkaufs-Show von Scientology handelt. Das Video ist ca. 36 Minuten lang und bietet alles, was wir aus den Dauerwerbesendungen um 2:30 auf QVC oder auf anderen Shopping-Kanälen gewohnt sind: Es wird verkauft und argumentiert, dass sich die Balken biegen.

So wird z.B. “schlüssig” dargelegt, warum Scientology eine Religion ist: weil nämlich Gerichte so entschieden haben. Na dann - ist ja alles klar. Ich bin der festen Überzeugung, wir finden ein paar Gerichtsentscheide darüber, was Liebe, Hass, Eifersucht, Freude und Hoffnung sind. Also, aufgepasst: vielleicht sind einige Gefühle der geschätzten Leserschaft gar nicht mehr rechtlich unbedenklich.

Ein Satz aus dieser Präsentation: “Scientology is designed for you”. Nun, ich denke deutlicher kann man nicht sagen, dass es sich hier um ein Produkt (und eine Menge an geschriebenem Material) handelt, das an den Mann oder an die Frau gebracht werden möchte.

Wir erfahren weiter, dass L. Ron Hubbard “nur” ein Mensch ist - genau wie Buddha, wie man selbstbewußt hinzufügt. Vermutlich wars das dann auch an Parallelen der Beiden.

Stellenweise hat man das Gefühl, man sei mit der Crew der Original Enterprise auf einem bizarren Planeten gelandet (die Parallelen zu Dauerwerbesendungen sind nicht zu übersehen) - einschließlich der hölzernen schauspielerischen Leistungen der “Fremden” und der Musik, die mehr oder weniger einen “Tusch” nach dem anderen reiht.

Eine interessante Information, die mir bislang noch nicht bekannt war: In jeder Organisation gibt es ein Büro für L. Ron Hubbard, weil er ja (seinerzeit) viel herumgereist war. Dass er schon seit mehr als 20 Jahren tot ist, scheint wenig Einfluss auf diese Tradition zu nehmen.

Aber was soll man machen - als Religion, die lausige 53 Jahre am Buckel hat, muss man an Traditionen nehmen, was man kriegen kann. Auf jeden Fall ist das schön stimmig: Ein Büro als eine Art “Gotteshaus” in einer “Business-Religion”.

Wie schon erwähnt, scheint die Nähe von Business und Scientology eine sehr ausgeprägte zu sein.

Museumsführungen werden mit Cross-Selling-Ansätzen von Büchern zur Religion begleitet.

Versprochene Steigerungen der IQs werden mit aktienchartähnlichen Diagrammen “belegt”.

37 (!) Personen (unter anderem auch Isaac Hayes und gewissermaßen als “Höhepunkt” John Travolta!) aus repräsentativen Berufsgruppen geben mehr oder weniger begeisterte Testimonials, wie ihnen das Produkt Scientology geholfen haben soll.

Potentiellen Kunden wird eine “‘Wir’ gegen ‘die’”-Community in Aussicht gestellt und die Konkurrenz (Psychologie und Psychiatrie) wird mit ein paar gschmackigen Tiefschlägen bedacht.

Am Schluss wird dann nochmal die Intensität verstärkt, indem man “Angst” verbreitet. Vor der Zerstörung der Welt. Und natürlich vor den ungenannten schrecklichen Folgen, die sich ergeben könnten, wenn man sich nun doch nicht für Scientology entscheidet.

Natürlich kann man sich gegen Scientology entscheiden (”und es nie wieder erwähnen”), aber man wird dann schon sehen, was man davon hat. Sehr fein übrigens, dass an dieser Stelle die Hintergrundmusik vom schon nervigen “Tusch”-Aneinanderreihen zu “bedrohlich” wechselt. Sehr fein.

Dann noch mal eine abschließende emotionale “Kauf mich, denn es geht nur um Dich!”-Ansage und der zukünftige Scientologe kann sich gleich an der Kassa die wuchtigen ersten Bände anschaffen.

Wer sich kritisch zu Scientology äußert wird ja gern mit dem Argument, “man verfolge Andersgläubige” auf der emotionalen Ebene in die Ecke gestellt. Wer mit Belegen (Schriftstücken, Videos, etc.) aufwartet, wird mit dem Hinweis auf das Urheberrecht aus dem Spiel genommen.

So gesehen ist die Wahl der Waffen zumindest in diesem Punkt voll im Trend. Urheberrecht als ultimative Waffe im Kommunikationszeitalter.

So war natürlich auch abzusehen, dass dieses Video, das einige Zeit lang auf YouTube gehostet wurde, vom Netz genommen wird.

Scientology’s Problem: sobald etwas ins Internet geleaked ist, kann es nicht mehr zurück geholt werden - die Filmindustrie kann ein Liedchen davon singen. Trotzdem scheint ein Wettlauf der Anwälte von Scientology und der Web-Community stattzufinden und so macht es auch wenig Sinn, hier das Video direkt einzubinden.

Ein paar Anhaltspunkte für all jene, die das Video trotzdem sehen möchten, seien folgende Links ans Herz gelegt:

Google Video Suche nach Scientology Orientation
YouTube Suche nach Scientology Orientation
Das Video im Internet Archive

Wer die Suchergebnisse durchstöbert: es handelt sich um jenes Video, das sehr dunkel erscheint (da es offensichtlich mit einer Handkamera abgefilmt wurde) und ca. 36 Minuten dauert. Es gibt auch mehrere Versionen, bei denen das Video in mehrere Teile unterteilt wurde.

Ahja, im Internet findet man auch einige Fragen, die angeblich beim Scientology’s Security Check gestellt werden, um festzustellen, ob man in diesem oder in seinen vielen vorherigen Leben Böses getan hat. Kostprobe gefällig:

Haben Sie jemals eine Bevölkerung versklavt?
Sind Sie auf die Erde gekommen, um Böses zu tun?
Haben Sie jemals einen Planeten verschwinden lassen?

Also, wer in Scientology ein hohes Tier werden möchte, sollte schon mal in sich gehen …

Dieser Text steht unter folgender Creative Commons-Lizenz.


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