Franz Kafka – Der Proceß – Eine Theater-Annäherung

Weithin gilt Kafka als schwer zu vermittelnder aber nichtsdestotrotz bedeutender Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

Eines seiner Hauptwerke, der Proceß, bietet Raum für psychologische, soziologische oder sogar biografische Interpretationen. Da es keine allgemeingültige Lesart dieses Romans gibt, hilft bei der umfassenden Auseinandersetzung mit dem Text ein anderer Zugang, der zur Änderung der Perspektive führt.

Und hier bietet sich gerade in Wien und demnächst auch in Mödling die Gelegenheit, die von Michael Schefts ausgezeichnet für das Theater dramatisierte und inszenierte Version von “Der Proceß” zu sehen.

Mit Ausnahme von Paul König, der Josef K., die Hauptperson des Romans überzeugend darstellt, übernimmt jeder Schauspieler mehrere Rollen. Dadurch gelingt es Schefts einen intelligenten Mittelweg zwischen dem “Frontalvortrag” eines Romans und einer mit umfangreichem Ensemble “nachgespielten” Version zu gehen. Der Fragmentcharakter des Romans wird dadurch nochmals unterstrichen.

Schefts versteht es, den komplizierten Text zugänglicher zu machen, ohne jedoch ins Banale abzugleiten. Es ist erstaunlich, wie bodenständig und klar die Formulierungen des Romans werden, wenn man sich, wie Schefts hier bei seiner Dramatisierung, als Fürsprecher für den Text selbst engagiert. Keine Spur von abgehobener, selbstverliebter Intellektualität.

Paul König, der wie bereits erwähnt, ausschließlich die Rolle des beschuldigten Josef K. verkörpert, versteht die Entwicklung des Charakters vom kämpferisch Empörten, über den verzweifelt Kämpfenden bis zum Resignierenden glaubhaft und sympathisch darzustellen.

Dina Kabele spielt als einzige Frau des Ensembles Fräulein Bürstner, die Frau des Gerichtsdieners und Leni und sorgt mit ihren emotional intensiv angelegten Rollen dafür, dass vor allem Josef K. nicht nur in der Verwirrung eines undurchschaubaren Systems herumirrt sondern auch den Tücken des Weiblichen ausgeliefert scheint. Kabele gelingt die Darstellung sehr einfühlsam und souverän.

Oliver Baier (ja, hier hat die Floskel “bekannt aus Funk und Fernsehen” durchaus ihre Berechtigung) zeigt, wie weit gefächert seine Theaterarbeit sein könnte, wenn man ihn nur öfter ließe: überzeugend karrierehungrig als Direktor Stellvertreter, als fast schon an Wiener Exekutive erinnernder Erster Wächter, als psychisch stark angeschlagener Block oder als gütiger Gefängniskaplan, der Josef K. die so berühmte Türhüter-Parabel verkündet. Bitte mehr davon.

Martin Schlager bietet mit einer fast schon grazilen Distanz die feine Ausformung z. B. von Advokat Huld, Richter oder Aufseher und sorgt damit für die fast schon blasierte Präsenz des unverstandenen Systems auf der Bühne.

Und schließlich merkt man Marcus Strahl die Spielfreude an, mit der er den ausgezeichnet porträtierten, geschmeidigen Maler Titorelli, den überzeugend besorgten Onkel oder den gönnerhaften Fabrikanten gibt.

Für alle im Ensemble gilt, dass es, obwohl es unterschiedliche Rollen darzustellen hat, ganz ausgezeichnet aufeinander abgestimmt und geführt ist. Zu keinem Zeitpunkt hat man den Eindruck, dass Charaktere ineinander verschwimmen oder ungenau gezeichnet sind. Damit geht das Konzept von Michael Schefts beeindruckend klar auf.

Neben der klaren Dramatisierung, der verständnisvollen Regie und den hervorragenden schauspielerischen Leistungen fallen noch zwei weitere Elemente des Theaterabends positiv auf.

Zum einen die von Thomas Löblich gestaltete Bühne, die nicht nur den Raum für die Schauspieler bietet sondern durch ihre stetige Veränderung als geheimer Darsteller beim Zuschauer präsent bleibt. Im Vordergrund verwandeln sich einfache rote Quader in einen Gerichtssaal, in eine Chaiselongue oder in eine Kirche.

Eine sich über die gesamte Breite der Bühne erstreckende Wand begrenzt dahinter den Raum in der Tiefe. Diese zunächst schwarze Wand mit zwei Türen steht auf einem Podest, das auch des Öfteren zur Vermittlung existierender Machtgefälle genutzt wird.

Im Verlauf des Stückes hinterlassen die Schauspieler ihre Spuren an dieser Wand, indem sie die aufgetragene schwarze Farbe wegwischen und damit die dahinter aufgetragene rote Farbe sichtbar machen. Dadurch scheinen sie durch höhlenmalerisch anmutende Graffiti das Stück zu dokumentieren und visualisieren. Ein gelungener Effekt, der jedoch nicht Selbstzweck ist, sondern das Stück deutlich bereichert.

Und schließlich sei als zweites wichtiges Element die Musik von Stefan Wolf erwähnt, die vor allem die Unerbittlichkeit des Fortschreitens der Ereignisse unterstreicht und vermittelt. Man wünschte sich öfters eine derart intensive Musik so intelligent am Theater eingebunden wie hier.

Michael Schefts hat es in seiner Regie verstanden, das Ensemble zu einer künstlerischen Höchstleistung zu führen, wobei hierbei Musik und Bühne ausdrücklich eingeschlossen sind. Dadurch hat er nicht nur einen sehr gelungenen Theaterabend realisiert, sondern auch dafür gesorgt, dass eine ausführliche Befassung mit Kafkas Proceß an dieser Produktion nicht vorbei gehen wird können.

Eine uneingeschränkte Empfehlung, diese Off-Produktion des WORT_Ensembles zu besuchen.

Nähere Infos und Vorstellungstermine unter www.wort-ensemble.com.

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