Opfer

Wehe, wenn Auflagenstreben und Voyeurismus los getreten sind. Dann ist nichts mehr schützenswert. Nicht mal mehr eine Frau, die ihre Jugend eingesperrt in einem Verließ eines Verrückten verbringen mußte.

Vor etwa 8 Jahren wurde von einer Mitschülerin beobachtet, wie die damals 10-jährige Natascha Kampusch in einen weißen Kastenwagen gezerrt wurde. Selbst jahrelange Nachforschungen von Polizei, Privatdetektiven und selbsternannten Hellsehern konnten den Verbleib von Natascha nicht aufklären. Die Anteilnahme der Bevölkerung war groß, das Gesicht Nataschas auf vielen Lichtmasten zu finden. Das Schlimmste wurde angenommen.

Am 23. August 2006 tauchte eine Frau in einem Garten in Strasshof (nordöstlich von Wien) auf, die behauptete (die mittlerweile 18-jährige) Natascha Kampusch zu sein. Sie sei entführt worden und konnte in einem unbeobachteten Augenblick fliehen. Zeitgleich fuhr vom Haus, in dem sie gefangen gewesen sein dürfte ein BMW mit hohem Tempo davon. Die Verfolgung dieses Autos endete im Selbstmord des Lenkers.

Nach einiger Zeit stellte sich heraus, dass es sich bei der Frau tatsächlich um die vermisste Natasche Kampusch handelt und damit begann die mich absolut anekelnde Maschinerie von Mediengeilheit und Profilierungssucht.

Die Polizistin Sabine Freudenberger, die Frau Kampusch erstbetreut hatte, gab fleißig Interviews wo sie intime Details ausplauderte, öffentlich über sexuellen Mißbrauch spekulierte und sich völlig hin und weg über den Bildungsgrad von Frau Kampusch zeigte: “Diese Frau ist gebildet, sie ist hochintelligent. Sie hat einen Wortschatz - unglaublich.”

Frau Freudenberger, lassen Sie das bleiben. Bei einer derartigen Vorgehensweise kommt mir das Kotzen. Opfer haben ein Anrecht darauf, dass ihr Leid nicht nochmal in die Medien gepresst wird. Was sagen eigentlich Ihre Vorgesetzten dazu, wie Sie es mit der Amtsverschwiegenheit halten?

Und ob des Themas dauerte es nicht lange, bis sich schließlich fast jedes landesweite Medium dazu veranlasst sah, jeden Tag mit Sensationsmeldungen wie “Expertin: Natascha ist eine sehr kluge Frau”, “Die Qualen des entführten Mädchens”, “Kampusch will eine Ausbildung machen” oder “Natascha trifft sich mit Gleichaltrigen” aufzumachen. Und das sind wohlbemerkt nicht Zitate aus einem billigen Boulevard-Blättchen sondern aus dem Onlineangebot des ORF (Österreichische Rundfunk).

Ein vom Computer errechnetes Bild, wie Frau Kampusch heute aussehen könnte wird fleißig als Illustration verwendet, Bilder ihrer Zelle aus allen Blickwinkel von Medien ins Netz gestellt.

Die Meute hechelt. Man will endlich erfahren, was der Entführer alles mit ihr angestellt hat. Je mehr Details desto besser. Wie war das jetzt genau mit dem sexuellen Mißbrauch? Hat sie wirklich um ihren Entführer geweint? War sie von ihm wirklich als eine Art Sklavin gehalten worden. Man ist auf der Suche nach dem wohligen Schauer, den man sonst nur aus Fernsehserien wie “Autopsie” oder “Akte Mord” kennt.

Alle dürfen ran: der Vater, der verwirrt von einem Medium zum anderen läuft, die Mutter, die sich Gedanken über die Einkleidung macht.

“Profiler” Thomas Müller darf bereits zum 100sten Male seine Stehsätze absondern, die er bei jedem seiner Interviews von sich gibt (Ich denke, der Satz: “Es wacht niemand in der Früh auf und begeht ein derartiges Verbrechen. Das sind Sachen, die sie oft über Wochen und Monate zunächst in Gedanken durchspielen.” kommt in jedem seiner Interviews der letzten 10 Jahre vor).

Psychologen erklären jetzt jedem, der es nicht wissen will, wie denn das genau mit dem Stockholm-Syndrom ist und wie Frau Kampusch sich in zukünftigen Beziehungen bewähren wird.

Aus der Nachbarschaft des Entführers hören wir die üblichen Sätze vom “netten, unauffälligen Nachbarn”. Aber einige Nachbarn haben natürlich mal “eine junge Frau im Garten gesehen”, der bis vor Kurzem noch uneinsehbar gewesen war.

Leute: Ihr kotzt mich an (ja, nicht nur diese unsägliche Polizistin)! Hört damit auf, Frau Kampusch ein zweites Mal zum Opfer zu machen! Hört auf ihr Leiden in die Öffentlichkeit zu zerren und für eure Profilierungsneurosen oder Auflagenzahlen zu benutzen.

Und die nach schmutzigen und schockierenden Details hechelnde Öffentlichkeit: Überlegt euch doch mal, wie das wäre, wenn man Eure unangenehmsten, privatesten, intimsten Geheimnisse eurer Pubertät in die Öffentlichkeit zerren würde.

Na wie wärs: der Macho da hinten, der mal im Zeltlager diese merkwürdige sexuelle Erfahrung mit einem etwas älteren Pfadfinderführer hatte. Oder die Prokuristin, die als 14-jährige voller Tabletten und Alkohol das Wachzimmer vollgekotzt hat.

Konzentriert euch darauf, wie ein derartiger Fall passieren konnte, wo die Polizei geschlampt hat und wie man zukünftig derartige Fälle verhindern kann. Alles andere tut nichts zur Sache.

Und lest aufmerksam, was Frau Kampusch Euch geschrieben hat.

Dieser Text steht unter folgender Creative Commons-Lizenz.


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01
persönlich bekannt
30. August 2006

Viele empören sich dieser Tage über die Berichterstattung, interessanterweise wissen sie aber sehr genau worüber ihre Empörung gross ist. Also sind auch die Empörten Konsumenten eben dieser Berichterstattung und Nutzniesser da sie im Zuge dessen empört sein dürfen. Und bekanntermaßen ist schlechte Kritik immer noch gute Werbung für die Produzenten (in dem Fall die Medien). Reich werden könnte in solchen Zeiten derjenige der ein Rezept anbieten könnte wie man sich diesem Kreislauf entziehen kann und soll. Vermutlich wird er in Armut enden, weil er sich all dem Entzieht und daher gar nicht weiss das seine Meinung gefragt sein könnte.

lg
“pers.bek.”

02
30. August 2006

Also inwiefern dieser Artikel (schlechte) Werbung für den ORF oder Frau Freudenberger ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Auch der gezogene Nutzen wird sich vermutlich in Grenzen halten.

Verstanden sollte dieser Artikel jedoch als (sehr kleines) Gegengewicht zur derzeit vorherrschenden Berichterstattung werden.

Evident ist auch, dass es diese von mir kritisierte Berichterstattung in den Massenmedien bereits gibt - auch ohne mein Zutun.

(In meinen Augen) berechtigte Kritik wiegt meiner Meinung nach schwerer als der Umstand, als Konsument derartiger Schlagzeilen und Nachrichtenbeiträge “geoutet” zu sein.

03
2. September 2006

Die Berichterstattung regt mich ehrlich gesagt gar nicht so auf (ich lese sie ja selbst), aber wo mir die Galle hochkommt, ist wenn die Herrschaften Psychologen jetzt die Deutungshoheit über die Erlebnisse übernehmen wollen, so in der Art, “das Mädchen weiß nicht wovon es spricht, das liegt am Stockholm Syndrom, aber wir wissen wie es ihm gehen *sollte* und das biegen wir schon wieder hin”.

Habe heute nen interessanten engl. Artikel gefunden, von der Frau die in Belgien von Marc Dutreaux entführt wurde, lesenswert (keine Ahnung ob der Link hier drin ankommt).

Markus

04
3. September 2006

Man sollte der Frau einfach ihre Ruhe lassen, sie hat genug durchgemacht und es verdient jetzt ein normales leben zu führen soweit das möglich ist.

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